Kulturkirche St. Jakobi

STREETVIEWIn Streetview ansehen.

Baugeschichte


I. Bauphase: Bau der St. Jakobikirche im 14. Jh.

Die erste schriftliche Nennung der St. Jakobikirche befindet sich in einer Urkunde vom 9.8.1303. Die Nennung lässt den Schluss zu, dass die Kirche zu Beginn des 14. Jh. im Bau war. Man kann von der Fertigstellung des östlichen Teils der Kirche 1321 ausgehen. Noch in den 1340er Jahren wurde intensiv gebaut. Zu einem gewissen Abschluss des Kirchenbaues muss es um 1350 gekommen sein, was aus den Stiftungen für die Glocken der drei Kirchen von 1340 und 1349 und aus der Inschrift von 1351 zu schließen ist, damals erfolgte eine Stiftung von eintausend Ziegelsteinen zum Bau der Kirche. Aus Stiftungen der 1380/90er Jahre geht hervor, dass mit der Errichtung der Kapellenbauten am Langhaus begonnen worden war.

II. Bauphase: Turmumbau und Kapellenanbauten

Ende des 14. und zu Beginn des 15. Jh. wurden auf der Nord- und Südseite der Kirche zwischen die Strebepfeiler die Einsatzkapellen angebaut. Der Turmumbau kann in die 2. Hälfte des 15. Jh. datiert werden. Ende der 1480er Jahre wird er fertiggestellt worden sein. Unter Einbeziehung der westlichen Turmpfeiler des ersten Turmes, die nun die östlichen Pfeiler des neuen Turmes wurden, und Neubau zweier westlicher Pfeiler entstand der neue Turm. Gleichzeitig verlängerte man die Seitenschiffe mit Kapellenbauten nach Westen. Der alte Turmstumpf blieb bis etwa in Höhe der Schluss-Steine des Mittelschiffgewölbes erhalten.

III. Bauphase: Reparaturen des 16. bis 19. Jh.

In den nachfolgenden Jahrhunderten wurden im wesentlichen Reparaturmaßnahmen, die durch Naturkatastrophen oder Kriegseinwirkungen verursacht waren, durchgeführt. Ein Blitzschlag zerstörte 1662 die hölzerne Turmpyramide mitsamt der kleinen Nebentürmchen und das Kirchendach. Das Holzwerk barocken Turmhelms wird dendrochronologisch auf 1678 bestimmt, so dass man die Fertigstellung in die 1680-er Jahre datieren kann.

IV. Bauphase: Umfassende Instandsetzung Mitte des 19. Jh. und Reparaturen bis zum II. Weltkrieg

1850-1868 wurde die Kirche außen und innen völlig instandgesetzt, das Mauerwerk wurde überarbeitet durch Steinauswechslung, Mörtelplomben und schwarze Neuverfugung. Alle Fenster wurden mit Ziegel-Maßwerk mit wechselnden Mustern versehen und die Fensterbänke mit englischem Schiefer abgedeckt. Im Innern wurde eine massive Chorschranke mit Gipsstuck aufgeführt. 1943 wurden große Teile des Inventars in Kisten verpackt und im Rahmen der Kunstschutzmaßnahmen ausgelagert.

V. Bauphase: Wiederaufbau und Nutzung bis zur Wende 1989

Am 6.10.1944 wurde die Kirche durch einen Bombentreffer im 11. südlichen Joch und durch Treffer in der Umgebung stark geschädigt. Die Dachdeckung des südlichen Seitenschiffs wurde gänzlich zerstört, über der Westhälfte wurden die oberen Teile der Mauern mitsamt den Gurtbögen, Gewölben, der Balkenlage und der ganzen Dachkonstruktion vernichtet. Nach Kriegsende erfuhr St. Jakobi, wie auch die anderen Kirchen, Plünderungen und Diebstahl. Das Gestühl und Teile der Kapellenschauwände wurden verheizt.

1949 begann man mit ersten Notsicherungsmaßnahmen: Einziehen von eisernen Trägern unterhalb der Kämpferhöhe im Bereich der vier Pfeiler im nördlichen Seitenschiff; Aufstellen von vier Streben im Hauptschiff; maurermäßige Ausbesserung eines Pfeilers im südlichen Seitenschiff. Um den Baugrund zu untersuchen, wurden mehrere Bohrungen durchgeführt; die Grüfte der Seitenschiffe wurden mit Erde und Bauschutt verfüllt und ein 10 m hoher Strebepfeiler an der mittleren Seitenkapelle der Nordfront aufgemauert. 1951 begann man mit dem Wiederaufbau des südlichen Seitenschiffs: Erneuerung und Ergänzung der Mauern und Gurtbögen, Deckung des Seitenschiffdaches mit Schiefer. 1952/53 erfolgte die Einwölbung des Seitenschiffs.

1950-1955 erfolgte der Einbau eines Gemeindesaals, des “Gustav-Adolf-Saals”, im Turm durch Einziehen von kreuzrippengewölbten Zwischendecken. 1959 wurden neue Zug- und Druckanker im Mittelschiff eingebaut. 1961 fanden Reparaturen an einigen Gewölben statt, wobei es zum Einsturz eines Gewölbes der Nordseite kam. 1961 wurde aus statischen Gründen ein Ringanker aus Beton im Turm eingebaut. 1964 brachte man ebenfalls aus Sorge um die Standsicherheit eine Versteifung im Fußboden und den Zementboden ein. Ende der 1960er Jahre wurden die Obergadenfenster verglast. 1969 wurden drei Räume in den Kapellen des südlichen Seitenschiffs als Archiv für das Archivgut der Stralsunder Kirchengemeinden nach Plänen von Dipl.-Ing. Herborn ausgebaut. Man errichtete dafür ein massives Treppenhaus im südlichen Turmbereich, baute eine Zwischendecke und einen neuen Eingang neben dem südlichen Treppenhaus ein. In den 1980er Jahren befand sich in St. Jakobi der kirchliche Bauhof der Pommerschen-Evangelischen Kirche (damals Evangelische Landeskirche Greifswald) im Kirchenschiff. Hinter einer steinernen ca. 5 m hohen Trennwand lagerte im Altarraum das Kunstgut.

VI. Bauphase: Instandsetzung und Umnutzung zur Kulturkirche

Mit der politischen Wende 1989 begann die derzeit noch andauernde Bauphase. Die Maßnahmen wurden gefördert durch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, das Land Mecklenburg-Vorpommern und die Hansestadt Stralsund. Die Wiederherstellung des Äußeren der Kirche ist abgeschlossen.

Baugestalt

Image2St. Jakobi ist eine dreischiffige Pfeilerbasilika mit geradem Chorschluss und einem Westturm. Das Langhaus hat eine Länge von fünf Jochen, der Chor von zwei. Die beiden hintereinander liegenden Turmbauten werden von Seitenhallen und Kapellen flankiert, die mit der Turmfront abschließen. Den westlichen vier Basilikajochen sind Kapellen unterschiedlicher Tiefe angefügt. Alle Joche, mit Ausnahme des Turmjoches, das mit einem vierzackigen Sterngewölbe mit kreisförmiger Öffnung schließt, besitzen Kreuzrippengewölbe. Am östlichen Joch der Nordseite befindet sich ein zweijochiger, zweigeschossiger Sakristeibau mit Sterngewölben.

Die lichte Weite des Mittelschiffs beträgt ca. 9,00 m, die Höhe 24,60 m. Die Breite der Turmfassade beträgt etwa 32,20 m, der Turm besitzt heute eine Höhe von etwa 68,10 m. Die Kirche hat eine Gesamtlänge von 72,30 m.

Ausstattung

Die Reste der einst reichen Ausstattung zum Teil im Kunstgutlager in der Kirche eingelagert.

  • Dreifaltigkeitsaltar, um 1500, im Kunstgutlager
  • Altar der Hl. Sippe, Anf. 16. Jh. z. Zt. als Leihgabe im Pommerschen Landesmuseum Greifswald
  • Fragmente spätgotischer Kapellenschranken, teils als Leihgabe im Pommerschen Landesmuseum Greifswald, teils im Kunstgutlager
  • Sehr reiche Renaissancekanzel, 1635, H. Lucht, zerlegt, die Wiedererrichtung hat begonnen
  • Kronleuchter, Messing, 1683 und 1671
  • Uhr mit Ziffernblatt um 1400, Gehäuse 1673 von N. Arpe und P. Schack, einige Figuren erhalten, im Kunstgutlager
  • Großer Orgelprospekt, 1733-38, nach Entwurf von G. Richter, figürlicher Dekor von M. Müller, die Schnitzteile eingelagert
  • Hochaltar, 1786-88 von C. N. Fresse, Gemälde von J. H. Tischbein (Kreuzabnahme und Himmelfahrt)
  • Überlebensgroße Holzfigur des Amos, 1951 von D. W. Groß

Restaurierungsarbeiten

Die Außenflächen der Kirche sind bereits instandgesetzt worden. Die Restaurierung des Innenraums begann 2005 im Turmbereich, in Vorbereitung des Ausbaus der vorhandenen Turmgeschosse aus den 1950-er Jahren zur Studiobühne des Theaters Vorpommern.

Die jüngsten Restaurierungsarbeiten an der Ausstattung betrafen bislang u.a.:

  • Lesepult
  • Restaurierung der barocken Schnitzportale
  • Wiederaufbau der Renaissancekanzel (erste Abschnitte)
  • Konservierung und Präsentation des Dreifaltigkeitsaltars in Greifswald

Der Wiederaufbau der 1870 in den barocken Orgelprospekt eingebauten Mehmel-Orgel ist beabsichtigt.

Besonderheiten

Image3Großartiger gotischer Kirchenraum; durch die hohen Arkaden von weiträumiger Wirkung. In der Turmhalle eindrucksvolle Treppenanlage der 1950-er Jahre.

Nutzung

Nutzung als Kulturkirche (Theater / Konzerte / Ausstellungen / Kunsthandwerkermarkt). Betreibung durch das Kreisdiakonische Werk Stralsund, das einen Kulturmanager eingestellt hat. Der Besuch der Kirche für Touristen wird durch regelmäßige Öffnungszeiten ermöglicht.

Literaturauswahl

  • Förderverein St. Jakobikirche zu Stralsund e.V. (Hg.): Der vergessene Raum – 700 Jahre St. Jakobi Stralsund (Festschrift), mueckenschweinverlag Stralsund 2003, ISBN 3-936311-12-9
  • Haselberg, Ernst von: Die Baudenkmäler des Regierungs-Bezirks Stralsund, Heft V, Der Stadtkreis Stralsund, Stettin, Léon Saunier’s Buchhandlung, 1902 (Ausführliche Beschreibungen auch der Ausstattung, schwer erhältlich)
  • Dehio, Georg: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler; Feldmann, Hans-Christian (bearb): Mecklenburg-Vorpommern, Deutscher Kunstverlag, München-Berlin, ISBN 3-422-03081-6